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Re: Fanclubversammlung Mai/Juni 2012
(15.06.2012 10:02), von Suhler91
 

Interview mit Han Abbing

Autor: Bux, Samstag, 9. Dezember 2006
Suhl, 09.12.2006: Knapp 100 Minuten hat es gedauert, dann hatten unsere Damen die Schlußszenen eines Krimis im Kasten, den Alfred Hitchcock nicht spannender hätte inszenieren können. 3:2 lautete es am Ende gegen die tapferen Damen aus Hamburg. Auf der anderen Seite lieferte dieses Spiel die beste Basis für ein ausführliches Interview mit Han Abbing. Nachdem die ersten beiden Gespräche unserer Interview-Serie ca. 5 Minuten dauerten, bekamen wir dieses Mal sogar eine Viertelstunde. Klingt vielleicht nicht viel, aber SC hat fast anderthalb Eishockey-Übertragungen lang gebraucht, um die Worte aufs virtuelle Papier zu bannen.
Viel Spaß beim lesen…

Dynamics: Hallo, wir freuen uns, dass wir hier die Möglichkeit zu dieser kleinen Fan-Pressekonferenz bekommen konnten. Zuerst möchten wir uns für das tolle Spiel bedanken, und dann gleich mal mit einer Frage anfangen. Könnten Sie uns vielleicht kurz beschreiben, was in den ersten beiden Sätzen zu dem deutlichen Rückstand führte, und wie es die Mannschaft dann doch noch geschafft hat, das Spiel zu drehen?
Han: Hmm, das sind aber mehr Fragen als nur eine. Zuerst zum Spiel insgesamt: Ich finde, dass ich der Mannschaft ein großes Kompliment machen muss, weil sie so sehr gekämpft hat, sich so durchgesetzt hat, und wirklich so einen großen Willen gezeigt hat, dieses Spiel zu gewinnen. Wie bei jeder Medaille gibt es natürlich auch eine andere Seite. Die Art wie wir begonnen haben liegt wohl darin begründet, dass wir noch nicht so sehr von unseren eigenen Qualitäten überzeugt sind. Wir haben eine gute Mannschaft, die jedes andere Team schlagen kann – vielleicht nicht unbedingt an jedem Wochenende, denn es muss schon alles bei uns passen. Die Mannschaft weiß auch, dass wir mit 1-2% weniger Leistung Schwierigkeiten bekommen, aber anstatt es locker zu nehmen, weil es auf der „anderen Seite“ ja genauso ist, machen wir es vielleicht manchmal zu sehr zu einem Problem. Besser wäre es, es als eine Herausforderung zu sehen, die ja auch Spaß bringen kann. Wenn wir es schaffen davon wegzukommen, dann kann man dann Leistungen sehen, wie heute im dritten, vierten und fünften Satz. Da hat es in der Annahme ja auch gestimmt. Zwischen dem ersten und dritten Satz ist schließlich kein Zauberer gekommen und hat die Mannschaft verwandelt. Die Spielerinnen haben die Fähigkeiten, die Qualitäten, und wenn sie etwas mehr darauf vertrauen, dann unterläuft uns so etwas wie die heutigen ersten beiden Sätze auch nicht.

Dynamics: Jetzt haben wir es ja ins Viertelfinale geschafft. Wenn Sie die Wahl hätten, was würde besser passen? Ein Heimspiel, oder vielleicht doch lieber eine Fahrt nach Erfurt? ;-)
Han: Ich denke, dass beides schön sein würde. Auf der einen Seite verspräche das „Erfurt-Los“ ein Thüringen-Derby, zumal uns der im Volleyball doch sehr große und deutliche Unterschied zwischen erster und zweiter Liga eine weitaus bessere Chance auf eine Halbfinalteilnahme geben würde, als ein Los „Schwerin“ oder „Dresden“. Es bleibt also nichts, als bis morgen abzuwarten, aber wenn es denn Erfurt wird, wir kommen gerne.

Dynamics: Jetzt kommen ja manchmal von Seiten einiger Fans Rufe nach Ein- oder Auswechselung bestimmter Spielerinnen. In wie weit bekommen sie das mit, und in wie fern lassen sie sich davon beeinflussen?
Han: Also ich möchte jetzt nicht arrogant klingen, aber ich bekomme das eigentlich gar nicht mit. Wie die Spielerinnen bin auch ich manchmal während einiger Spielphasen wie in einem Kokon, eben total fokussiert. Beim Spiel gegen Schwerin gab es zum Beispiel erst während des vierten Satzes mal eine Phase, in der ich mit einem Mal dachte „Oh, schön hier, soviel Publikum, so viel Lärm…“. Es war ja wirklich voll damals, aber das registriere ich sehr lange überhaupt nicht. Ich kann mich aber an ein Spiel im letzten Jahr erinnern, da hatte Bona ziemlich zu kämpfen, und das Publikum pfiff und war wohl der Meinung, dass ich sie rausnehmen sollte. Zwei Fans sind sogar hinterher deswegen auf mich zugekommen. Ich bin der Meinung, dass man so etwas als Fan nach dem Spiel immer bei mir ansprechen darf, jedoch treffe ich meine Entscheidungen während des Spieles immer so, wie ich denke, dass es für die Mannschaft das Beste ist. Wenn es nicht so sein würde, würde ich wohl etwas anderes tun. Ich weiß ja, was die Spielerinnen im Training zeigen, und wozu sie in der Lage sind, und das sind für mich die Kriterien nach denen ich aufstelle und meine Wechsel vornehme. Heute haben wir mit Anne Köhler, unserer jungen Spielerin, ja ein sehr gutes Beispiel gesehen. Es sind eben sehr wichtige Punkte, die sie mit ihren Aufschlägen macht, zumal Iryna da ein paar Probleme hat. Aber da gab es ja heute einen Ball, den sie noch „geholt“ hat – der war eigentlich einen Meter draußen, glaub ich… Aber sie ist so jung, so einen Fehler darf sie machen. Das Publikum sollte da ein wenig Rücksicht nehmen, denn sie ist ja erst achtzehn, da ist das gar nicht so leicht, da unten zu stehen.

Dynamics: Nun sind Sie ja schon ein paar Jahre hier in Suhl. Wie fühlen sie sich mittlerweile hier, wie schätzen sie die Entwicklung der Mannschaft im Vergleich zur ersten Saison ein, und woran muss unbedingt noch gefeilt werden?
Han: Zufällig habe ich vor der Begegnung gegen den SSC ein Video von einem Spiel gegen Schwerin aus meiner ersten Saison angeschaut, und im Vergleich dazu spielen wir, wenn wir in der Annahme sicher stehen, ein besseres und schnelleres Volleyball. Sehr stark geändert hat sich der Erwartungsdruck. Als ich damals hier anfing, hab ich die Mannschaft erst einmal spielen lassen. Vor der Endrunde waren wir dann Vierter, hatten aber das Pech, das Magda sich verletzte. Sie war in dieser Saison wahnsinnig gut, fast punktbeste Spielerin der Liga. Danach – und das gilt nicht nur fürs Publikum, sondern auch für mich und die Spielerinnen – ist man nicht mehr zufrieden, mit dem was dann kam. Der nächste Schritt ist eben, die guten Leistungen zu bestätigen – das ist viel schwieriger als zu sagen ‚OK, ich fang jetzt an, und schau mal, wo es lang geht. Wenn es gut geht – schön, und wenn nicht, haben wir eben Pech’ Wir sind jetzt natürlich nicht mehr zufrieden mit einem fünften oder sechsten Platz. Wir haben einen Traum, wir möchten eine Medaille holen. Das ist sehr schwierig, das wissen wir. Es bedeutet, dass unsere Mannschaft jedes Wochenende alles geben muss. Das Publikum erwartet auch mehr – natürlich völlig zurecht – und der Vorstand ebenso. Es ist einfach, diese Ziele auf ein Blatt Papier, in die Zeitung zu schreiben, oder im Fernsehen davon zu sprechen – für die Mädels ist es nicht so leicht. Man sieht es, die Unterschiede in der Liga sind sehr klein, und wir sind nicht die Mannschaft, die sagt: „Ach….Köpenick? Hamburg? Das machen wir schon.“ Jedes Wochenende ist also der Druck für die Spielerinnen da, und was wir ändern müssen, ist die Art wie wir damit umgehen. Wir müssen es als etwas schönes sehen, eine Herausforderung. Wenn uns das gelingt, dann ist noch viel mehr möglich. Die Entscheidung für Suhl habe ich ja damals auch wegen euch getroffen. Ich war damals – als Jan noch Trainer war – bei zwei Spielen hier in der Halle. Das Publikum war toll, die Halle war toll, und vor so einer Atmosphäre ist es einfach schön, zu arbeiten. Ich kenne natürlich auch die Schattenseiten, zum Beispiel wenn ich Montag morgens in den Supermarkt gehe und wir haben verloren. In dem Fall kommt eben jeder auf mich zu und sagt: „Was war das jetzt wieder? Was ist da passiert? Das darf doch nicht sein…“ Da freue ich mich zwar auch nicht so, aber das gehört eben dazu.

Dynamics: Vorher waren Sie ja Co-Trainer bei der niederländischen Nationalmannschaft. Was ist so der größte Unterschied zwischen einem Job als Trainer einer Nationalmannschaft und Cheftrainer einer Erstligamannschaft im „Ausland“?
Han: Vereinsmannschaft: Ich habe jetzt hier 13 Spielerinnen, und diese Spielerinnen sind für mich und den Verein die „besten 13 Spielerinnen der Welt“. In einer Nationalmannschaft mit einem Kader von 16 müssen die Spielerinnen jeden Tag kämpfen um ins Aufgebot zu kommen, weil es viele Junge und viele andere (Ältere) gibt, die auch der Auswahl spielen wollen – also die Art, wie man arbeitet ist doch sehr anders. Ich habe mich auch anpassen müssen, und lernen müssen, dass ich die Dinge hier anders betrachten muss als ein Nationaltrainer. Hier geht es darum, dass wir jeden Samstag eine gute Leistung bringen, und jeden Samstag versuchen, das Spiel zu gewinnen. In der Nationalmannschaft fängt man im Mai an, hat ein Qualifikationsturnier, man fährt mal ins Ausland, um Erfahrung zu sammeln, und am Ende steht dann ein WM/EM-Turnier oder Olympia an. Man kann dort auch langfristiger arbeiten, eine Spielerin auch mal „ohne Druck“ aufbauen. Hier geht es darum, jede Woche das Beste zu zeigen. Dann ist es schwerer mit jungen Spielerinnen zu spielen. Es gab da ja auch letzte Saison die Kritik bezüglich Nadja und Josi. Ich für meinen Teil habe versucht, sie so gut wie möglich in die Mannschaft einzubinden, aber Volleyball ist eine „Erfahrungs-Sportart“. Wenn man dann gerade 18 oder 19 ist, hat man es nicht so leicht, eine 28 bis 30-jährige zu ersetzen. Da brauchen die Spielerinnen Geduld. Man sieht es ja jetzt auch bei Josi – sie ist nach Hamburg gewechselt, weil sie befürchtete, dass sie hier zu wenig spielen kann, aber in Hamburg bekommt sie auch nicht viele Einsätze. Sie hat bestimmt die Voraussetzungen dafür, und das Talent, aber es ist eben ein langer Weg. Als ich Junioren-Nationaltrainer war, habe ich mich allerdings auch mal geärgert, dass ein Vereinscoach eine meiner Spielerinnen nicht hat spielen lassen. Aber das ist ein Punkt, den ich jetzt besser verstehe: Er konnte sich das eben nicht leisten, weil er Samstags gewinnen muss. Seine Verantwortung ist nicht, die Nationalmannschaft zu stärken, sondern seinen Verein zu Siegen zu führen.

Dynamics: Stichwort junge Spielerinnen: Wie oft können sie die Spiele der II. Mannschaft verfolgen, und kann man schon sagen, ob auf absehbare Zeit ein Talent zu den „Großen“ nachrücken kann?
Han: Ja, ich habe Kontakt mit Jan, der jetzt Landestrainer geworden ist. Und somit kennt er ja sogar Spielerinnen aus ganz Thüringen. Wir sind hier in Suhl ja ein recht junger Verein, im Gegensatz zu Schwerin, Dresden oder Münster. Dort sieht man das (System) mit den Zweitmannschaften oder man hat Satellitenteams. Das ist etwas, worauf man in Suhl auch hinarbeiten sollte, damit man auch jüngere Spielerinnen hier her holen kann. Im Moment ist hier der Unterschied zwischen II. und I. Mannschaft zu groß. Zum Beispiel Anne: Sie hat es ja über ein Jahr in Gotha geschafft, und vielleicht gibt es da noch mehr (Talente), aber Suhl ist natürlich auch sehr klein. Hier kann man auch die DDR als Beispiel nehmen. Als Außenstehender kann ich dazu sagen, dass man nach der Wende vergessen hat, das „Sichten“ weiterzuführen. Das hat man damals sehr, sehr gut gemacht, und so etwas bräuchten wir jetzt eigentlich auch. Man kann nicht nur aus Suhl junge Spielerinnen holen, selbst ganz Thüringen reicht da wohl nicht aus. Wenn man es schaffte, diese Dinge (das Sichten) wieder anzuschieben, dann wäre das nicht nur für den VfB Suhl, sondern für den deutschen Volleyball insgesamt gut.

Dynamics: OK, damit sind wir auch schon fast am Ende…
Han: Jetzt schon? (lacht) Das nächste mal solltet Ihr das ganze bei einem Glas Bier veranstalten…. (zustimmendes Lachen bei allen) ;)

Dynamics: Mal angenommen, Geld spielt keine Rolle – gibt es eine "Lieblingsspielerin" Sie unbedingt in Ihrer Mannschaft haben würden? (Zwischenruf von Maddin: "Ivana Ostojic!")
Han: Ivana Ostojic? … Nun, wie ich vorhin schon sagte, diese 13 Spielerinnen, mit denen ich hier in die Saison gegangen bin, sind die genau richtigen für uns, also für mich und den Verein. Ich beschäftige mich jetzt also nicht mit Träumereien, welche andere Spielerin hier sein könnte. Mein Vertrauen gilt der Mannschaft, die wir jetzt hier haben und ich traue uns zu, dass wir es verwirklichen können, eine Medaille zu holen. Das beansprucht auch meine gesamte Aufmerksamkeit, und das andere kommt dann zur neuen Saison, wenn ich mich mit dem Vorstand zusammensetze. Dann könnt Ihr mich das noch mal fragen.

Dynamics: OK, also sind Sie momentan absolut glücklich. Dann wünschen wir weiterhin viel Erfolg und bedanken uns für das ausführliche Gespräch.

Das Interview führte Thomas Augstein (Adlerauge).

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